Die Rasswet-Konstellation ist ein russisches Projekt, das darauf abzielt, eine unabhängige und sichere Satelliten-Kommunikationsinfrastruktur für Russland bereitzustellen.
- Das Projekt wird als russisches Gegenstück zu Starlink angesehen und soll eine stabile Abdeckung für die Arktis, Sibirien, die Krim und den russischen Fernen Osten gewährleisten.
- Ausgestattet mit fortschrittlichen Technologien soll sie eine unabhängige und effiziente Kommunikation ermöglichen. Sowohl Präsident Wladimir Putin als auch militärnahe Kommentatoren erwähnen Rasswet auch als künftig wichtigen Kommunikationsdienst für das russische Militär.(1)
Büro 1440
Büro 1440 wurde im Jahr 2020 gegründet mit dem Ziel eine Satellitenkonstellation in niedriger Erdumlaufbahn (LEO) aufzubauen, um breitbandigen Internetzugang mit Geschwindigkeiten von bis zu 1 Gbit/s und niedriger Latenz bereitzustellen, vergleichbar mit Starlink von Space X.
Der Name Büro 1440 bezieht sich auf die 1440 Erdumrundungen, die der erste künstliche Satellit Sputnik 1 im Jahr 1957 absolvierte, bevor er in der Atmosphäre verglühte.
- Ein bedeutender Meilenstein für Büro 1440 war der erfolgreiche Start von 16 serienmäßigen Breitband-Satelliten der Konstellation Rasswet mit einer Sojus-2.1b-Trägerrakete im März 2026.
- Zuvor hatte der Betreiber sechs experimentelle Satelliten in zwei Testmissionen ins All geschickt. Die Ziele der Konstellation umfassen flächendeckendes Internet für die zivile und militärische Nutzung.
- Das Unternehmen beschäftigt laut eigenen Angaben rund 3.500 Mitarbeiter,
von denen 80 Prozent Ingenieure, Designer, Softwareentwickler für
Raumfahrzeuge und Komponentensteuerung sowie Spezialisten für
mathematische Modellierung, Tests, Start, Orbiteinschwenkung sowie den
anschließenden Betrieb von Satellitenkonstellationen sind.
Rasswet-Satelliten
Die Rasswet-Satelliten sind darauf ausgelegt als 5G NTN (Non-Terrestrial Networks) Basisstationen im Orbit Datenübertragungsraten von 50 Mbit/s bis zu 1 Gbit/s im Download bei einer Latenz von unter 70 ms zu ermöglichen und sind mittels Laserkommunikation verbunden.
- Am 27. Juni 2023 beförderte eine Sojus-2.1b-Rakete vom Kosmodrom Wostotschny
(2) aus als Sekundärnutzlast drei experimentelle Rasswet-1-Satelliten
des Büro 1440 ins All. Die erste Übertragung am 1.Juli 2023 erzielte 10
Mbit/s bei einer Latenz von 41 Millisekunden.
- In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 2024 starteten drei weitere Satelliten vom primär militärisch genutzten Kosmodrom Plessezk
(3) an Bord einer Sojus-2.1b-Rakete. Der Rasswet-2-Typ war Testvehikel
für 5G NTN Übertragung sowie die Laserkommunikation zwischen
Satelliten.
Die ersten 16 operationellen Rasswet-Satelliten vom Typ Rasswet-3 wurden am 23. März 2026 in die Umlaufbahn
gebracht, wobei der Start ursprünglich für Ende 2025 geplant war, aber
aufgrund von Problemen bei der Satellitenproduktion und -montage auf
2026 verschoben wurde.
- Die Satelliten wurden zunächst in eine Umlaufbahn von etwa 310 Kilometern gebracht und sollten nach Systemchecks ihre Höhe auf eine operationelle Umlaufbahn von etwa 800 Kilometern erhöhen. Bis Juni 2026 hatten damit sechs Satelliten ihre Umlaufbahnen aktiv erhöht, wobei sie zwischen 40 und 50 Kilometern an Höhe gewannen.
- Die operationelle Lebensdauer der Satelliten wird auf fünf Jahre geschätzt,
bestimmt durch Batterieressourcen und Treibstoffreserven. Die
Satelliten sind in zwei Generationen unterteilt, wobei die erste
operative Generation, Rasswet-3, etwa 370 Kilogramm pro Einheit wiegt und im Ku- und Ka-Band arbeitet.
- Ein
Satellit, Object 4, ist bereits nach weniger als drei Monaten aus der
Umlaufbahn wieder in die Erdatmosphäre eingetreten und verglüht. Die
Rasswet-Konstellation soll laut dem russischen Vizepremierminister
Dmitri Grigorenko bis 2035 etwa 900 Satelliten umfassen, wobei die ersten 156 Satelliten bis 2026 - 292 bis 2027 und 318 bis 2028 gestartet werden sollen.
Der geplante Stückzahl des Rasswet-Endausbaus liegt somit über den aktuell 654 Eutelsat-OneWeb-Satelliten, aber deutlich unter den derzeit rund 10.800 Starlink-Satelliten von SpaceX.
- Die Orbithöhe liegt zwischen diesen beiden westlichen Systemen. Starlinks Satelliten operieren in Höhen von 480 bis 600 Kilometern, die OneWeb-Satelliten auf 1.200 Kilometern.
Zum Vergleich die chinesischen Alternativen: Die Qianfan-Spacesail-Konstellation bringt es aktuell auf 218 funktionierende Satelliten im rund 800 Kilometer hohen Orbit. Guowang („Nationales Netz“) kommt auf 180 bis 190 Satelliten auf über 1.100 Kilometern Höhe.
Bodeninfrastruktur
Die Büro 1440 Endgeräte basieren wie die Starlink Terminals auf Basis einer aktiven Phased-Array-Antenne.
- Das Endgerät findet automatisch Satelliten, stellt eine Verbindung her und hält diese aufrecht. Im Fokus steht auch der einfache Transport und die Installation der Geräte. Die Anforderungen an die Oberflächen, auf denen es aufgestellt werden kann, soll minimal sein.
- Mittlerweile sind drei Endgeräte-Typen bekannt. Büro 1440 hat auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum 2026 mit der Bahngesellschaft „Föderale Passagiergesellschaft” (FPK) einen Plan zur Einführung von Satellitenkommunikation in Fernverkehrszügen vereinbart. Die Bilder zeigen ein relativ großes Gerät neben dem Modell eines Zuges und eines Passagierflugzeuges.
- Büro 1440 hat außerdem ein bodengestütztes Abonnententerminal mit
der Bezeichnung AT-3 patentiert. Das Gerät soll über eine E-Sim
verfügen, die das Satellitensignal in ein 4G/LTE- und 5G-Netz umwandelt
und ermöglicht so den Aufbau eines vollwertigen privaten LTE/5G-Netzes an jedem beliebigen Standort.
- Büro 1440 verspricht, dass ihre Terminals nicht größer als 60 Zentimeter und nicht schwerer als 15 Kilogramm sein werden. Die Massenproduktion soll 2027 beginnen.
- Zudem wollen der russische Telefonnetzbetreiber Megafon und das Büro 1440 ein tragbares System entwickeln, das für Arktisexpeditionen, in Katastrophengebieten und in abgelegenen Industrieanlagen eingesetzt werden kann.
Rasswet auch für die militärische Kommunikation
Die Rasswet-Konstellation könnte die Art und Weise, wie Russland seine Truppen führt, grundlegend verändern, indem sie sichere Truppenkommunikationen und die Konnektivität, zum Beispiel auch in der Arktis, verbessert.
- Die
Satelliten können somit nicht nur zur Bereitstellung von
Internetzugriff in abgelegenen Regionen Russlands und zur Erstellung
zusätzlicher Kommunikationskanäle für zivile Schiffe verwendet werden.
- Die Rasswet-Satelliten wären auch in der Lage, eine intermittierende Schlachtfeldkonnektivität über der Ukraine bereitzustellen und eine frühe Alternative zu Starlink für russische Streitkräfte darzustellen.
- Laut dem ukrainischen Verteidigungsministerberater Sergei (Flash) Beskrestnov würden 200 bis 250 Satelliten im Orbit der russischen Armee eine stabile und kontinuierliche Kommunikation ermöglichen.
- Laut Flash benötigen die russischen Streitkräfte ein „russisches Starlink”, es sei „nur eine Frage der Zeit”. Aktuell kann ein RASSWET-Satellit während seines Überflugs 6 bis 10 Minuten lang Hochgeschwindigkeitsdaten übertragen. Er überfliegt die Ukraine etwa einmal täglich Sergei (Flash) Beskrestnov
Mitte
Juni erklärten Militärangehörige im Kreml gegenüber Wladimir Putin,
dass „die Drohnen des Gegners über ein Satellitensystem namens Starlink
gesteuert werden. Wir haben ein solches System nicht”.
- Putin
entgegnete: „Russland hat erst vor Kurzem weitere 16 Geräte für sein
Starlink-Pendant gestartet, und der Ausbau wird fortgesetzt.”
- Russische
Militärblogger sehen in Rasswet eine Möglichkeit, das Problem der
Kommunikation mit verschiedenen unbemannten Plattformen zu lösen. Die
Abschaltung von Starlink für die russischen Streitkräfte hatte
verheerende Konsequenzen und behindert Russland bei der Einführung neuer
unbemannter Systeme.
Ukrainische Angriffe auf russische Weltraumkommunikationszentren
Am 22. Juni griff die Ukraine (4) erfolgreich das Weltraumkommunikationszentrum „Dubna” (5) in der Region Moskau, 120 Kilometer nördlich der Hauptstadt, an.
- Zwei
Tage später erfolgte ein Angriff auf eine vergleichbare Anlage in der
Region Wladimir der Russischen Föderation. In der Nacht zum 24. wurde
das Weltraumkommunikationszentrum „Wladimir” (6) getroffen.
- Der militärische Kampf um die Domäne Weltraum und den Zugriff auf deren Kapazitäten findet somit auch am Boden statt.