Friedrich Merz - der Don Quijote der deutschen Politik, angetreten, die AfD zu halbieren, hat nun fast die Union mit 47 % halbiert – doch die politischen Sancho Pansas halten den Ritter im Sattel
Volker Fuchs 11.10.2026
Bundeskanzler Friedrich Merz sieht „erste Lichtblicke“ beim Wirtschaftsaufschwung und verweist auf steigende Reallöhne, bessere Stimmungswerte und zahlreiche neue Start-ups - doch die Industrie baut weiter Stellen ab
- Gleichzeitig steigt jedoch die Arbeitslosigkeit, während die Industrie Zehntausende Stellen streichen, Werke schließen oder Produktionen ins Ausland verlagert.
- Zudem bleiben die Insolvenzen hoch, und Wirtschaftsverbände verlangen tiefgreifende Reformen bei Energiepreisen, Steuern, Sozialabgaben und Bürokratie.
- Drei Ministerpräsidenten großer Autoländer warnen inzwischen sogar vor dauerhaften Schäden für die deutsche Schlüsselindustrie. Damit wächst der Abstand zwischen den positiven Signalen des Kanzlers und der Realität in vielen Betrieben.
Wachstum auf dem Papier bedeutet noch keinen neuen Wohlstand - Das Handelsblatt Research Institute / HRI warnt vor wachsenden strukturellen Problemen. Zudem erwartet es 2026 rund 300.000 Erwerbstätige weniger als 2024.
Noch bemerkenswerter ist jedoch die Zusammensetzung des Wachstums. Laut HRI trägt ein wachsender Anteil staatlicher Konsum samt staatlicher Investitionen. Mehr zum Thema siehe (1) Gleichzeitig steigt der Wohlstand vieler Bürger kaum.
Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian: Friedrich Merz trat mit ungewöhnlich großen Versprechen an.
- Die AfD sollte kleiner, die Union stärker und Deutschland wieder zum wirtschaftlichen Wachstum zurückkehren. Zugleich versprach die Union solide Finanzen, weniger Bürokratie und niedrigere Energiekosten.
Anfang Oktober 2026 passen jedoch mehrere Ergebnisse kaum zu diesem Anspruch.
- Die Erwerbstätigkeit sinkt, während die Erwerbslosigkeit steigt. Die Union fällt in einer INSA-Umfrage auf 17,5 Prozent, während nur zehn Prozent mit Merz‘ Kanzlerarbeit zufrieden sind.
- Hinzu kommen hohe neue Kredite und nicht vollständig eingelöste Entlastungsversprechen. Genau diese wachsende Distanz zwischen Mission und Ergebnis gibt dem Vergleich mit Don-Quijote seine tragische Komponente.
Friedrich Merz wollte die AfD halbieren und halbiert fast die Union
Merz erklärte 2018, die Union könne wieder 40 Prozent erreichen und die AfD halbieren.
- Heute misst INSA die AfD bei 30,5 Prozent und CDU/CSU bei 17,5 Prozent. Gegenüber den 32,9 Prozent der Union bei der Bundestagswahl 2017 entspricht das einem Rückgang von fast 47 Prozent.
- Merz hat diese Entwicklung nicht allein verursacht. Dennoch hat sich sein damaliger Anspruch nahezu spiegelbildlich verkehrt.
- Auch die Brandmauer hat den Aufstieg der AfD bisher nicht verhindert. Allerdings lässt sich daraus keine direkte Ursache für die Verluste der Union ableiten. Die Abgrenzung bleibt zudem selbst unter Unionsanhängern umstritten.
- Deshalb genügt für den Kommentar ein nüchterner Befund: Das strategische Ziel war eine schwächere AfD, tatsächlich wurde sie deutlich stärker.
Friedrich Merz verspricht Wachstum – doch Beschäftigung geht zurück
Wirtschaftspolitisch zeigt sich ein ähnlicher Gegensatz. Merz fordert immer wieder mehr Wachstum, Investitionen und Beschäftigung.
- Tatsächlich wuchs das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 0,3 Prozent zum Vorquartal. Die Bundesregierung erwartet für 2026 inzwischen sogar 1,3 Prozent Wachstum (1). Dennoch erreicht dieser Aufschwung den Arbeitsmarkt bisher nicht.
- Im August waren 45,41 Millionen Menschen erwerbstätig. Das waren 235.000 weniger als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig stieg die Zahl der Erwerbslosen um 120.000 auf 1,86 Millionen. Die Erwerbslosenquote erhöhte sich von 3,9 auf 4,3 Prozent.
- Wachstum und sinkende Beschäftigung schließen sich ökonomisch zwar nicht aus. Politisch bleibt jedoch ein deutlicher Gegensatz zum versprochenen Aufschwung mit mehr Beschäftigung.
Aus strenger Schuldenbremse wurden Milliarden neuer Kredite
Noch ausgeprägter ist die Kehrtwende bei den Staatsfinanzen. Merz verteidigte die Schuldenbremse jahrelang gegen eine Lockerung. Noch am 25. Februar 2025 schloss er eine schnelle Reform zunächst aus. Wenige Tage später vereinbarten Union und SPD jedoch eine grundlegende Änderung.
Dazu kam ein kreditfinanziertes Infrastruktur-Sondervermögen (Schuldenaufnahme) von 500 Milliarden Euro. Die veränderte Sicherheitslage und der Investitionsstau lieferten dafür nachvollziehbare Gründe. Trotzdem bleibt der Kurswechsel außergewöhnlich groß.
Ähnliches zeigt sich bei den Energiekosten. Im Wahlprogramm versprach die Union ausdrücklich eine Senkung der Stromsteuer „für alle“.
- Tatsächlich blieb die niedrigere Stromsteuer zunächst auf das produzierende Gewerbe sowie Land- und Forstwirtschaft beschränkt. Private Haushalte werden stattdessen belastet über Netzentgelte und die abgeschaffte Gasspeicherumlage.
- Merz räumte später selbst ein, die Stromsteuer sei nicht für Haushalte gesenkt worden. Auch hier ist das ursprüngliche Versprechen also nur teilweise umgesetzt.
Die politischen Sancho Pansas halten den Ritter im Sattel
Währenddessen stellen sich die Unions-Ministerpräsidenten weiterhin hinter Merz.
- Markus Söder erklärte ausdrücklich: „Friedrich Merz ist Kanzler und bleibt Kanzler.“ Hendrik Wüst weist ebenfalls Nachfolgeambitionen zurück. Gleichzeitig nennen Medien beide seit Monaten als mögliche Alternativen.
- Reuters berichtet zudem über interne Unzufriedenheit wegen ausgebliebener Wirtschaftsreformen und schwacher Kommunikation. Die Parallele zu Sancho Pansa funktioniert deshalb vor allem als Machtbild: Die Begleiter sehen die Schwierigkeiten, halten den gemeinsamen Zug jedoch zusammen.
Damit reicht die Don-Quijote-Metapher weit über die AfD hinaus.
- Friedrich Merz wollte Wachstum, doch die Beschäftigung sinkt.
- Er verteidigte solide Staatsfinanzen, verantwortet jedoch einen historischen schuldenfinanzierten Investitionskurs.
- Die Union versprach niedrigere Stromsteuern für alle, setzte dieses Versprechen aber nur teilweise um.
- Gleichzeitig bezweifeln 67 Prozent im ZDF-Politbarometer, dass Merz seinen Reformkurs erfolgreich fortsetzen kann.
Don Quijotes Tragik bestand nicht darin, dass er keine Ziele hatte. Sie entstand aus der immer größeren Entfernung zwischen seinem Zielbild und der Wirklichkeit. Genau dort liegt die politische Aussagekraft des Vergleichs.
Verfasser: Klaus Bastian
Verwendete Quellen:
Mehr zum Thema Merz kann man hier lesen:
(1) Wirre Ökonometrie der Staatsökonomen / Deutschlands Industrie steuert dem wirtschaftshistorischen Abgrund entgegen und Staatsschulden explodieren
Auszug:
Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen in ihrer Herbstprognose für das laufende Jahr mit einem Wachstum von 1,3 statt bislang 0,6 Prozent.
Eine Verdopplung aus heiterem Himmel! Oder doch nur die Kanzler-Schuldenpumpe, die endlich einen statistischen Popanz aufbläst?
Auch für das kommende Jahr steht nach der Kalkulation der Staatsökonomen ein Wachstum zu Buche. Statt bislang 0,9 Prozent soll es um 1,1 Prozent mit der deutschen Ökonomie bergauf gehen. 2028 wird die Luft dann wieder dünner. Für das vierte Regierungsjahr der Koalition rechnen die Ökonomen dann nur noch mit einem mickrigen Aufschwung von 0,4 Prozent.
Im Vergleich zum stabilen Wachstum in den USA ist dieser Wert erbärmlich. Das Wachstum der deutschen Wirtschaft kommt nur zustande durch die Kalkulation schuldenfinanzierter Staatsausgaben bei einer Staatsquote von über 52 Prozent. Eine Farce, wie Ökonomen wissen.
- Prosperität entsteht selbstverständlich nicht aus Bürokratenhand oder gar über Staatsschulden, was die dümmste Form der Ressourcenvergeudung ist. Prosperität entsteht aus einem komplexen Prozess effizienter Ressourcensteuerung, die nur über den marktwirtschaftlichen Mechanismus und freie Preisbildung möglich ist.
- Am grünen Tisch politischer Regulatoren und ideologischer Wirrköpfe werden lediglich die Gewinner und die Verlierer staatlicher Ressourcenvergeudung herausgesucht – jedermann, der Augen zum Sehen hat, kann diesen Prozess in Deutschland en détail studieren.
Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle sieht die Lage anders:
- „Die Wirtschaft hat sich robuster entwickelt als erwartet“, schwärmt der Ökonom vom Merz-Aufschwung.
- Das ist Schönwetter-Prosa, die überdeckt, dass Deutschlands Wirtschaftsaufschwung lediglich in den Produktionshallen von Rheinmetall und Co. stattfindet, während im übrigen Bundesgebiet eine triste Flaute vorherrscht.
- Und um der Peinlichkeit einer vertieften ökonomischen Debatte vorzubeugen, folgt auch auf die Jubelmeldung zugleich eine vorsichtige Korrektur: Der Aufschwung stünde auf einem schmalen Fundament, so Holtemöller. Denn hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasteten die Wirtschaft noch immer.
- Welch spannende Erkenntnis, auf die die neugierigen deutschen Staatsökonomen dort im Jahre 2026 nach eifriger Ausgrabungsarbeit wohl gestoßen sind.
- Am Ende räumen auch die Jubel-Perser unter den Staatsökonomen ein: Das sogenannte deutsche Wirtschaftswachstum ist nichts anderes als ein schuldenfinanziertes staatliches Strohfeuer, das im Grunde bereits abgebrannt ist.
Vielleicht sollte man bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, was die eigentliche Quelle von Wohlstand ist. Ex negativo formuliert: Eine zentral geplante, schuldenfinanzierte Staatswirtschaft wird uns ganz sicher nicht reicher machen – sie ist der präzise Gegenentwurf der freien Marktwirtschaft, dem einzigen Mechanismus, der dauerhaft Ressourcen effizient zu lenken versteht und tatsächlich den Wohlstand der breiten Masse zu heben vermag.
- Staatswirtschaft produziert politischen Nonsens in industriellem Stil. Sie bringt Günstlingswirtschaft hervor, die am Bedarf der Menschen vorbei wirtschaftet und darauf zielt, denjenigen die Taschen zu füllen, die mit der Politik im Verbund operieren – wie im Falle Deutschlands die neu entdeckte Kriegswirtschaft.
- Bundeskanzler Merz scheint sein politisches Schicksal an den deutschen Rüstungssektor geknüpft zu haben: Bis zum Ende der Legislaturperiode soll der Verteidigungshaushalt auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angestiegen sein, von ursprünglich einmal 60 Milliarden Euro auf inzwischen 120 und Ende 2029 entsprechend auf 153 Milliarden Euro.