Nichts hat mich in all den Jahren meiner Arbeit für GLOBAL 2000 so schockiert wie diese amtlichen Zahlen: An allen 16 Grundwasser-Messstellen, die zweimal auf TFA untersucht wurden, ist die Belastung gestiegen – an keiner einzigen blieb sie gleich. Innerhalb von rund fünf Jahren hat sie sich im Mittel mehr als verdoppelt.
Als wir 2024 erstmals europaweit Wasser auf die Ewigkeitschemikalie TFA (Trifluoressigsäure) untersuchten, hatten wir einen begründeten Verdacht. Unsere Recherchen hatten gezeigt, dass der Einsatz von PFAS-Pestiziden stark zunimmt. Diese werden zu TFA abgebaut – einem Stoff, der extrem langlebig, wasserlöslich und mobil ist.
Dass wir TFA finden würden, war daher keine Überraschung. Das Ausmaß schon: Alle von uns untersuchten Flüsse, Brunnen und österreichischen Leitungswasserproben waren belastet. Gemeinsam mit Partner-Organisationen vom Pesticide Action Network Europe (PAN Europe) machten wir das Problem europaweit sichtbar. Damals bewerteten wir die gemessenen Werte noch als innerhalb der Sicherheitsgrenzen liegend. Wir wussten, dass der Sicherheitspuffer klein ist – und die Belastung täglich steigt.
Was das Landwirtschaftsministerium nicht zeigt: TFA-Steigerung viel höher als befürchtet
Wie rasch sie tatsächlich zunimmt, hat mich extrem schockiert. Was wir 2024 nicht wussten: Nahezu zeitgleich ließ auch das Landwirtschaftsministerium österreichweit Grundwasser auf TFA untersuchen: An 107 risikobasiert ausgewählten Messstellen. Die beiden Messserien wurden zwar in den amtlichen Wassergüteberichten veröffentlicht – miteinander verglichen wurden sie dort aber nie. Der Anstieg blieb dadurch unsichtbar.
Erst vor Kurzem erhielten wir aufgrund einer Umweltinformations-Anfrage die amtlichen Messdaten von 2024 – gemeinsam mit den Ergebnissen der ersten bundesweiten TFA-Untersuchungen aus den Jahren 2018 und 2019. Damit war erstmals ein Vergleich möglich.
Als ich beide Messreihen gegenüberstellte, glaubte ich zunächst an einen Fehler. Doch jede weitere Auswertung bestätigte dasselbe Bild. Am aussagekräftigsten sind die 16 Messstellen, die in beiden Zeiträumen untersucht wurden – nur dort vergleichen wir dasselbe Grundwasser mit sich selbst. An allen 16 ist die TFA-Belastung gestiegen, an keiner einzigen blieb sie gleich: im Mittel von 1,36 auf 2,86 Mikrogramm pro Liter, also mehr als eine Verdoppelung in rund fünf Jahren.
Auch die vollständigen Messreihen zeigen dasselbe Bild: Im Schnitt lag die TFA-Belastung 2024 sogar mehr als dreimal so hoch wie 2018/2019. Weil dabei aber meist unterschiedliche Messstellen untersucht wurden, ist der direkte Vergleich der 16 wiederholt beprobten Standorte aussagekräftiger. Im burgenländischen Wulkaprodersdorf wurde 2024 sogar mehr als das Vierfache des früheren Werts gemessen. Und das auf einem bereits für sich genommen hohen Belastungsniveau.
Erschreckend: Diese Ergebnisse sind dem Ministerium also seit fast zwei Jahren bekannt. Dennoch wurde über den dramatischen Anstieg nicht informiert, und es waren keine Maßnahmen erkennbar, um ihn zu stoppen. Große Sorgen, aber auch eine Chance
Als Konsument, als Bürger und als Vater machen mir diese Zahlen große Sorgen. Es ist bedrückend, wie weit die Verunreinigung eines unserer kostbarsten Güter bereits fortgeschritten ist und wie rasch sie zunimmt.
Als Umweltchemiker bei GLOBAL 2000 sehe ich auch eine Chance: Diese Zahlen sind ein außergewöhnlich starkes Argument. Eines, das die Dringlichkeit selbst jenen verständlich macht, die Umwelt- und Gesundheitsgefahren bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben – in Wien ebenso wie in Brüssel.
TFA-Lawine betrifft nicht nur Wasser
Die Grundwasserdaten sind kein isoliertes Phänomen. Archivierte Baumblätter, Eisbohrkerne sowie alte und neue Weine erzählen dasselbe: Jahrzehntelang stieg die TFA-Belastung langsam. Seit den 2010er-Jahren nimmt sie rasant zu. Das Bild einer Lawine drängt sich auf. Was klein und lange kaum sichtbar begonnen hat, gewinnt immer mehr an Masse und Geschwindigkeit.
Doch diese Lawine ist kein Naturereignis. Wir sind es, die sie in Gang gesetzt haben – und wir füttern sie mit jedem weiteren Tag, an dem PFAS-Pestizide und fluorierte Kältemittel freigesetzt werden. Selbst wenn alle Einträge heute endeten, verschwände das vorhandene TFA nicht wieder.
Setzen wir die Emissionen fort, drohen irreversible Beeinträchtigungen unserer Umwelt, unserer Trinkwasserressourcen und Lebensmittel mit gesundheitlichen Folgen, deren volles Ausmaß nicht absehbar ist.
Vermeidung von PFAS-Pestiziden ist alternativlos
Warum dieser außergewöhnliche Befund nicht kenntlich gemacht wurde, muss politisch aufgearbeitet werden. Wir werden das sehr genau beobachten. Unabhängig davon lassen die Daten nur eine Schlussfolgerung zu: Die weitere Verwendung der verantwortlichen PFAS-Pestizide muss so rasch wie möglich gestoppt werden.
Was einmal im Grundwasser ist, lässt sich mit herkömmlicher Trinkwasseraufbereitung nicht mehr entfernen. Die Vermeidung an der Quelle ist deshalb alternativlos. Österreich kann und muss TFA-bildende PFAS-Pestizide vom Markt nehmen – die Rechtslage ist hier eindeutig.
GLOBAL 2000 wird die neuen Erkenntnisse allen verantwortlichen Stellen in Österreich und auf EU-Ebene vorlegen. Wir sind entschlossen, aus diesen Zahlen politischen Fortschritt zu machen.
Herzlichen Dank für Ihre wichtige Unterstützung!
Gemeinsam setzen wir uns für den wichtigen Schutz unserer Gesundheit und unserer Umwelt ein.
Alarmierte Grüße sendet Ihnen
P.S.: Wir werden – das ist ein Versprechen – nicht lockerlassen, bis die notwendigen Schritte eingeleitet sind. Diese neuen Daten geben uns dafür die stärksten Argumente, die wir bisher hatten!