100 Prozent Ökostrom bis 2035 kommt Deutschland teuer zu stehen / Grüner Stahl: 5,9 Mrd. Euro Fördergeld droht zu verpuffen / außerdem in der Krise wegen Käufermangel


Volker Fuchs 11.8.2026

 Nachfolgend in Ergänzung der beiden Berichte auf der Webseite: https://www.volkerfuchsputzbrunn.de/2026/  
im Verzeichnis Klima: https://www.volkerfuchsputzbrunn.de/2026/klima/  
Drei weitere Artikel, zwei davon über Deutschlands teure Wasserstoffstrategie: Ein Treiber der Deindustrialisierung ersten Ranges. Die Bundesregierung setzt trotz wirtschaftlicher Realitäten und klarer Studienergebnisse weiterhin auf grünen Wasserstoff als Kernstück der Energiewende.
  • Eine aktuelle Untersuchung unter Leitung des Fraunhofer-Instituts im Rahmen des Projekts HYPAT (H2-Potenzialatlas) zeigt allerdings ernüchternde Resultate: Grüner Wasserstoff wird in Deutschland so kostspielig werden wie in kaum einem anderen Land (Spiegel: 6.12.24).
  • Die hohen Preise könnten massive Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der ohnehin angeschlagenen deutschen Industrie haben und wird damit die Deindustrialisierung weiter vorantreiben
Kapitelübersicht: 
1.) 100 Prozent Ökostrom bis 2035 – warum das Ziel Deutschland teuer zu stehen kommt
2.) Grüner Stahl: 5,9 Milliarden Euro Fördergeld drohen zu verpuffen
3.) Grüner Stahl in der Krise – Deutschlands Stahlwerke finden kaum Käufer
 
1.) 100 Prozent Ökostrom bis 2035 – warum das Ziel Deutschland teuer zu stehen kommt
https://blackout-news.de/aktuelles/100-prozent-oekostrom-bis-2035-warum-das-ziel-deutschland-teuer-zu-stehen-kommt/ 
April 6, 2026
Deutschland treibt den Umbau seines Energiesystems mit dem Ziel voran, bis 2035 nahezu den gesamten Strom aus erneuerbaren Quellen zu beziehen, während die vollständige Klimaneutralität bis 2045 erreicht werden soll.
  • Der politische Kurs setzt vor allem auf Wind- und Solarenergie, jedoch wächst die Kritik aus der Ökonomie und Industrie deutlich.
  • Auslöser ist der forcierte Ausbau bei gleichzeitig steigenden Systemkosten, während der zentrale Risikofaktor in der fehlenden Versorgungssicherheit bei Dunkelflauten liegt.
  • Die Folgen betreffen nicht nur Strompreise, sondern zunehmend die abnehmende Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Industrien wie Chemie, Stahl und Aluminium, die bereits über Standortverlagerungen nachdenken. 

Extremziel verschärft Kosten und Standortnachteile

Der politische Anspruch einer nahezu vollständigen Versorgung mit erneuerbaren Energien führt zu stark steigenden Grenzkosten, je näher das System an die 100 Prozent-Marke rückt.

  • Während die ersten Ausbauphasen vergleichsweise effizient verlaufen, steigen die Kosten für die letzten Anteile überproportional an. Genau dieser Effekt belastet Unternehmen, die auf stabile und günstige Energie angewiesen sind. Deshalb geraten Industriebetriebe zunehmend unter Druck, da Strompreise ein zentraler Standortfaktor bleiben. 
  • Besonders die Chemie- und Stahlbranche benötigen kontinuierlich große Energiemengen, während schwankende Einspeisung aus Wind und Sonne zusätzliche Risiken erzeugt. Unternehmen reagieren bereits mit Investitionszurückhaltung oder prüfen Produktionsverlagerungen ins Ausland.

Studien widersprechen politischer Ausbau-Logik

Energieökonomische Analysen zeigen, dass ein maximaler Ausbau erneuerbarer Energien nicht automatisch wirtschaftlich sinnvoll ist.

  • Der Ökonom Lion Hirth kommt zu dem Ergebnis, dass deutlich geringere Anteile effizienter wären. Für Windenergie an Land sieht er beispielsweise einen optimalen Anteil von rund 20 Prozent.
  • Diese Werte stehen im klaren Gegensatz zu den politischen Zielvorgaben. Während die Politik auf nahezu vollständige Dekarbonisierung im Stromsektor setzt, zeigen Studien steigende Systemkosten und sinkende Effizienz. Dadurch entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht, das langfristig die industrielle Basis gefährdet.

Subventionen verzerren den Ausbau zusätzlich

Gute Standorte für Windkraft sind begrenzt, während der Ausbau zunehmend in weniger geeignete Regionen ausweicht.

  • Dort sinkt die Auslastung der Anlagen deutlich, jedoch sichern staatliche Fördermechanismen die Wirtschaftlichkeit. Diese Eingriffe verzerren den Markt und erhöhen die Gesamtkosten des Systems.
  • Zugleich steigen die garantierten Einspeisevergütungen erheblich, während ineffiziente Anlagen künstlich rentabel gehalten werden. Laut Analyse liegen die Vergütungen in schwächeren Regionen rund 55 Prozent über dem üblichen Niveau. Diese Mehrkosten tragen letztlich Verbraucher und Unternehmen, wodurch sich der Wettbewerbsnachteil weiter verschärft. 

Energieintensive Branchen planen Verlagerung

Die Kombination aus hohen Strompreisen und unsicherer Versorgung trifft energieintensive Industrien besonders hart.
  • Unternehmen aus der Chemie-, Stahl- und Aluminiumbranche benötigen verlässliche Grundlast, während volatile Einspeisung das Produktionsrisiko erhöht. Deshalb prüfen viele Konzerne alternative Standorte mit günstigeren Energiebedingungen.
  • Während andere Länder auf stabile Energiemixe setzen, verliert Deutschland an Attraktivität als Industriestandort. Erste Investitionen fließen bereits in Regionen mit niedrigeren Energiepreisen, etwa in Nordamerika oder Asien. Dieser Trend könnte sich beschleunigen, wenn die Kosten weiter steigen und politische Ziele unverändert bleiben.

Versorgungssicherheit bleibt ungelöstes Kernproblem

Ein Stromsystem, das stark von Wetterbedingungen abhängt, bringt strukturelle Unsicherheiten mit sich.

  • Dunkelflauten können gleichzeitig große Teile der Erzeugung ausfallen lassen, während Speichertechnologien noch nicht im erforderlichen Maßstab verfügbar sind. Deshalb müssten enorme Reservekapazitäten aufgebaut werden.
  • Außerdem steigen die Anforderungen an Netze und Infrastruktur erheblich, während der Strom über große Distanzen transportiert werden muss. Diese Investitionen treiben die Kosten zusätzlich nach oben. 
  • Die Folge ist ein System, das gleichzeitig teurer und komplexer wird, während die Versorgungssicherheit nicht vollständig gewährleistet ist.

Realistische Energiepolitik erfordert Kurskorrektur

Ökonomen fordern deshalb einen technologieoffenen Ansatz, der Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit stärker berücksichtigt.

  • Ein ausgewogener Energiemix könnte Schwankungen besser ausgleichen und zugleich Kosten begrenzen. Diese Perspektive gewinnt angesichts der zunehmenden Abwanderungsrisiken an Bedeutung.
  • Während politische Ziele weiterhin auf maximale Anteile erneuerbarer Energien ausgerichtet sind, zeigen wirtschaftliche Analysen klare Grenzen dieser Strategie.
  • Ohne Anpassung droht ein schleichender Verlust zentraler Industriezweige. Die Energiewende würde dann nicht nur teuer, sondern auch strukturell folgenreich für den Standort Deutschland. (KOB)

Lesen Sie auch:

 
2.) Grüner Stahl: 5,9 Milliarden Euro Fördergeld drohen zu verpuffen
https://blackout-news.de/wirtschaft/gruener-stahl-59-milliarden-euro-foerdergeld-drohen-zu-verpuffen/ 
August 11, 2026
Düsseldorf – Eine Anfang August 2026 veröffentlichte PwC-Studie (2) stellt die deutsche Milliardenstrategie für grünen Stahl grundsätzlich infrage. 
  • In Mitteleuropa erreicht Primärstahl laut den Berechnungen in keinem untersuchten Szenario dauerhaft wettbewerbsfähige Kosten. Bund und Länder haben Thyssenkrupp, Salzgitter und der Stahl-Holding Saar dennoch rund 5,9 Milliarden Euro Förderung zugesagt.
  • Hohe Strompreise und teurer Wasserstoff gefährden deshalb die Auslastung der neuen Anlagen. Die Folgen treffen Steuerzahler, Beschäftigte und industrielle Lieferketten. Dabei waren die entscheidenden Kostennachteile bereits vor den Förderbescheiden bekannt.

Fördermilliarden trotz bekannter Kostenprobleme

Es fehlte nicht an Warnungen. Fraunhofer-Forscher hielten bereits 2021 fest, dass Deutschland nicht genug bezahlbaren Ökostrom für große Wasserstoffmengen besitzt.

  • Heimisch erzeugter Wasserstoff werde deshalb in großen Mengen vergleichsweise teuer. Außerdem verwiesen die Forscher auf günstigere Produktionsbedingungen in sonnen- und windreichen Weltregionen. Genau dieser Standortnachteil bildet nun den Kern der PwC-Berechnungen.
Auch der Sachverständigenrat warnte im November 2022 vor dauerhaft höheren Energiepreisen als in vielen anderen Weltregionen.
  • Staatliche Hilfen sollten deshalb nur langfristig tragfähige Geschäftsmodelle stützen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die EU das erste Salzgitter-Paket über rund eine Milliarde Euro bereits genehmigt.
  • Trotzdem folgten 2023 rund zwei Milliarden Euro für Thyssenkrupp und bis zu 2,6 Milliarden Euro für die Saarstahl-Projekte. Im Februar 2026 erhöhte der Bund die Salzgitter-Förderung außerdem um 322 Millionen Euro.

Grüner Stahl verliert gegen Indien und Golfstaaten

PwC vergleicht Hochöfen und CO₂-arme Direktreduktion in mehreren Weltregionen bis 2045. Demnach produzieren die Golfstaaten CO₂-armen Stahl bereits 2030 rund 30 Prozent günstiger als Europa.

  • Wasserstoffbasierter Stahl aus Indien könnte europäischen Hochofenstahl außerdem um 15 Prozent unterbieten. Nur Skandinavien erreicht unter günstigen Annahmen konkurrenzfähige Kosten für Primärstahl. Grüner Stahl aus Deutschland bleibt damit auf Schutzmaßnahmen, Sonderstrompreise und weitere Hilfen angewiesen.
Die Technik selbst ist dabei nicht das Hauptproblem.
  • Direktreduktionsanlagen können zunächst Erdgas und später Wasserstoff nutzen. Deutschland besitzt jedoch weder dauerhaft billigen Strom noch ausreichend günstigen grünen Wasserstoff.
  • Zugleich fehlt ein breiter Markt, der zuverlässig höhere Stahlpreise bezahlt. Rund die Hälfte der europäischen Projekte wurde laut PwC bereits gestoppt, verkleinert oder verschoben.
 Politik vertagt die Rechnung auf Steuerzahler

ArcelorMittal zog 2025 die Pläne für Bremen und Eisenhüttenstadt zurück.

  • Der Konzern nannte fehlende Wirtschaftlichkeit sowie ungünstige Energie- und Marktbedingungen. Dadurch entfiel eine Förderoption von rund 1,3 Milliarden Euro, bevor der Staat die gesamte Summe auszahlte.
  • Thyssenkrupp setzte außerdem seine Wasserstoffausschreibung aus, weil die Angebote zu teuer ausfielen. Salzgitter baut dagegen weiter, obwohl der Staat die Förderung 2026 nochmals erhöhen musste.

Die 5,9 Milliarden Euro sind daher noch nicht vollständig verloren. Die Zusagen beruhen jedoch auf Annahmen, deren Schwächen Fachleute früh benannten.

  • Funktioniert grüner Stahl nur mit Strompreisstützen, Wasserstoffhilfen und staatlichen Abnahmequoten, endet die Förderung nicht mit dem Anlagenbau. Dann finanziert der Staat zusätzlich den Betrieb und schützt den Absatz. Der Bundesrechnungshof warnte bereits vor einer staatlichen Dauerförderung des nicht wettbewerbsfähigen Wasserstoffs.
  • Die Politik hätte deshalb vor den Bewilligungen klären müssen, ob deutscher Primärstahl jemals ohne Dauersubventionen bestehen kann.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Handelsblatt (04.08.26) (1)  PwC (Stand: 05.08.26) (2)  Bundesrechnungshof (28.10.25) (3)

(1) Stahlindustrie könnte Milliarden umsonst investiert haben 04.08.2025
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/industrie-stahlindustrie-koennte-milliarden-umsonst-investiert-haben-01/100243116.html 
(2) Das Ende der europäischen Stahlwirtschaft… oder einfach nur anders? 05.08.2025
https://www.pwc.de/de/energiewirtschaft/pwc-studie-2026-die-zukunft-der-stahlwirtschaft-in-europa.html 
(3) Umsetzung der Wasserstoffstrategie stockt: Erhebliche Risiken für Energiewende, Industriestandort und Bundesfinanzen  Datum28.10.2025 
https://www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/wasserstoffstrategie.html?nn=23488 

Mehr zum Thema:

 
3.) Grüner Stahl in der Krise – Deutschlands Stahlwerke finden kaum Käufer
https://blackout-news.de/aktuelles/gruener-stahl-in-der-krise-deutschlands-stahlwerke-finden-kaum-kaeufer/ 
Mai 28, 2026  

In Deutschland stockt der Umbau der Stahlindustrie, weil grüner Stahl trotz geplanter Milliardeninvestitionen kaum zahlungsbereite Kunden findet.
  • Betroffen sind wichtige Stahlwerke in Duisburg, Bremen, Eisenhüttenstadt, Salzgitter und im Saarland. Auslöser sind hohe Stromkosten, teurer Wasserstoff und eine schwache Nachfrage aus Schlüsselbranchen.
  • Zugleich verschärfen billige Importe aus Asien den Wettbewerb. Deshalb geraten Förderprojekte, Industriearbeitsplätze und die Klimaziele der Stahlbranche in Gefahr (tagesschau: 19.05.26)  (1)

Grüner Stahl braucht Käufer statt nur Fördergeld

Die deutschen Stahlhersteller wollen ihre Produktion grundlegend umbauen. Außerdem sollen Wasserstoff, Direktreduktion und Elektroöfen den Einsatz von Kohle verringern. Diese Technik senkt den CO₂-Ausstoß, kostet jedoch sehr viel Geld. 

Viele Abnehmer sprechen über klimafreundliche Lieferketten. Doch sie bestellen weiterhin meist den günstigsten Stahl. Deshalb fehlt den Konzernen die Sicherheit für neue Anlagen.

Energiepreise bremsen die Stahlwende

Grüner Stahl bleibt besonders teuer, weil die neuen Verfahren viel Strom benötigen. Außerdem fehlt günstiger Wasserstoff in großen Mengen. Dadurch verschieben sich geplante Investitionen oder verlieren an Wirtschaftlichkeit.

Die schwache Konjunktur verschärft die Lage zusätzlich. Autoindustrie, Maschinenbau und Bauwirtschaft kaufen weniger Stahl. Während die Nachfrage sinkt, steigen die Anforderungen an eine klimafreundliche Produktion.

ArcelorMittal stoppt wichtige Projekte

ArcelorMittal hat seine Pläne für Bremen und Eisenhüttenstadt gestoppt. Außerdem verzichtet der Konzern auf rund 1,3 Milliarden Euro staatliche Förderung. Dieser Schritt zeigt, wie unsicher der Markt für klimafreundlichen Stahl derzeit bleibt.

Auch andere Hersteller prüfen ihre Vorhaben genauer. Sie fordern verlässliche Strompreise, schnellere Wasserstoffnetze und verbindliche Nachfrage. Deshalb rückt die Rolle des Staates stärker in den Mittelpunkt.

Leitmärkte könnten den Durchbruch bringen

Öffentliche Aufträge könnten grüner Stahl schneller in den Markt bringen. Brücken, Schienen, Stromnetze und Gebäude brauchen große Stahlmengen. Außerdem würden klare Vorgaben den Werken mehr Planungssicherheit geben.

Ohne solche Leitmärkte bleibt der Umbau riskant. Deutschland will klimafreundliche Grundstoffe herstellen, doch viele Kunden achten weiter zuerst auf den Preis. Deshalb entscheidet sich die Zukunft der Stahlwende nicht nur im Werk, sondern auch bei Käufern und Politik.

Quelle:
(1) Die Stahl-Transformation stockt
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/gruener-stahl-transformation-100.html 

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